Schuhe aus Birkenrinde

Dieses Thema enthält 4 Antworten und 3 Stimmen. Es wurde zuletzt aktualisiert von  Flechthexe Vor 3 Jahre. 1 Monat.

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  • #1928

    Flechthexe
    Mitglied

    Hallo ihr Lieben,

    mein Name ist Alina Gerischer, ich bin Schülerin der staatlichen Berufsfachschule für Flechtwerkgestaltung. Ich bin im dritten und letzten Lehrjahr, bald stehen die Prüfungen an. Neben den schriftlichen Prüfungen muss man ein Abschlussstück entwerfen und umsetzten.

    Birke ist einer meiner Lieblingsbäume, ich bewundere sie sehr. Ich habe schon etwas Erfahrung mit Birkenrinde. Ich finde Birkenrinde ist ein wunderschönes Material, deswegen habe ich mir gedacht, ich mache ein Abschlussstück daraus.

    Nach längerem hin und her überlegen und recherchieren, bin ich zu dem Entschluss gekommen, Schuhe aus Birkenrinde zu machen. Es gibt ja einige Modelle von wilden Schuhen aus Birkenrinde, die aber eher alt und mittelalterlich aussehen. Ich würde gerne moderne und zeitgemäße Schuhe anfertigen, die ökologisch und umweltfreundlich sind.

    Die Sohle soll aus Holz sein, wahrscheinlich Buche, da es sehr hart und stabil ist. Den oberen Teil, will ich aus Birkenrinde flechten. Dazu habe ich einige Fragen, die mir hoffentlich hier beantwortet werden können.

    Und zwar:

    Gibt es einen natürlichen Kleber? Hat jemand Erfahrungen damit?

    Ist Birkenrinde stabil genug um sie an Holz zu Nageln? Meine ersten Versuche waren leider nicht erfolgreich, ich habe eine eine Sohle, Birkenrinde geklebt, leider ist sie bei Gehversuchen gerissen. Hab ich da vielleicht einen Fehler gemacht? Zu schwache Rinde? Oder lag es vielleicht an der Qualität der Rinde?

    Was denkt ihr ist es möglich solche Schuhe, mit denen man dann auch laufen kann, zu fertigen?

    Ich bin wirklich sehr dankbar für alle Tipps.

    Vielen Lieben Dank

    Ich wünsche allein einen wundervollen Tag

    Liebe Grüße

    Alina

     

    #1970

    Tim
    Key Master

    Liebe Alina!

    Toll, dass Du Dich an die Birkenrinde wagst und diese schöne, alte Technik in aktuellen Bezug setzen magst. Ich hoffe, ich kann Dir helfen:

    • Nageln
      Ja, Birkenrinde kann mit Nägeln, Holzdübeln oder Stiften an anderem Material befestigt werden. Wichtig ist, dass das Loch vorher mit einem Locheisen, einer Lochzange o.ä. vorher gestanzt bzw. gebohrt wird. Das verringert die Gefahr, dass die Rinde einreißt, was sehr leicht passiert und zwar immer längs der Lentizellen, also der charakteristischen dunklen Striche.
      Versuche bei jeder Befestigungsmethode, immer den Druck zu verteilen, nutze also z.B. Nägel mit großen Köpfen, die fest anpressen und benutze an diesen Stellen ggf. doppelwandige Birkenrinde, d.h. Du kannst hier z.B. eine zweite Schicht Rinde aufkleben.
    • Rissgefahr
      Birkenrinde kann leicht reißen. Das kann verschiedene Ursachen haben. Du solltest auf alle Fälle Rinde nehmen, die möglichst stark (3-4mm), aber immer auch geschmeidig ist. Dann dürfen beim Flechten, wo große Belastung zu erwarten ist (wie bei Schuhen, aber auch Rucksäcken, Taschen…) keine Unebenheiten, Verwüchse und Äste in der Rinde sein. Flechtrinde für diese Zwecke muss sehr hochwertig sein.
      Zu große Kälte und Trockenheit können der Birkenrinde zusetzen. Mache hier sowohl vorab auf alle Fälle Materialtest und setze die Rinde Extremsituationen aus, um das Material kennenzulernen. Wasser wirkt auf die Birkenrinde nicht negativ ein, im Gegenteil macht (warmes) Wasser die Rinde noch weicher und geschmeidig.
    • Rindenqualität
      Ein paar Hinweise habe ich ja schon geschrieben: nicht zu dünn sollte sie sein, geschmeidig und nicht brüchig. Sie sollte nicht trocken wirken. Und die Lentizellen, also die braunen Atemschlitze, die das Muster der Birkenrinde ausmachen, sollen möglichst kurz, nicht zu breit und nicht brüchig wirken.
      Die Qualität der Rinde hängt im Wesentlichen vom Standpunkt des Baumes ab: Ist der Boden optimal gewesen, ist die Birke Wind und Wetter ausgesetzt gewesen, wurde sie anderweitig angegriffen. All das wirkt sich auf die Rindenqualität aus.
      Wichtig ist aber auch die
    • Lagerung
      Birkenrinde sollte auf alle Fälle kühl und nicht zu trocken, keinesfalls aber nass gelagert werden. Ähnlich wie Holz muss sie atmen können, darf aber nicht durch direkte Sonneneinwirkung oder Heizungen etc. austrocknen.
      Die Rinde soll flach gepresst gelagert werden, wobei immer die weiße auf die weiße Schicht und die gelbe auf die gelbe Seite zeigen sollen, das verhindert Kratzer in der Rinde.
      Hierzu s. auch den Forum-Beitrag Birkenrinde lagern und unsere Seite zur Verarbeitung von Birkenrinde.

    Ich hoffe, ich konnte helfen und wünsche Dir viel Freude bei Deinen weiteren Experimenten!

     

    Tim

     

    PS: Birkenrinde ist ein Werkstoff, der Ähnlichkeiten zu Leder (Daher auch die Bezeichnung »Birkenleder«), zu Holz, zu Kork und vielen weiteren Naturmaterialien aufweist. Aber das macht die Rinde der Birke auch einmalig. Daher darf man den Aufwand, sich in diesen neuen Werkstoff zu fuchsen nicht unterschätzen, wenn man professionell mit ihm arbeiten will.

    #2053

    Rindenlaeufer
    Mitglied

    Hallo!

    Schuhe: Chapeau, richtig coole Idee. Und: das wären Schuhe, die Schweißfüße und Fußpilz bekämpfen!

    Zu Deiner Frage bezüglich Kleber und Leim in Verbindung mit Birkenrinde:

    Beim Kleben kommt es sehr darauf an, wie die Schuhe konstruiert sind und was genau geklebt werden soll. Egal, was für ein Leim schließlich verwendet wird: die Klebstelle sollte keinen großen Belastungen ausgesetzt sein. Also: z.B. eine Sohle ankleben, könnte problematisch sein. Für machbar halte ich z.B. die Fixierung eines Geflecht-Endes, bei dem die eigentliche Last durch das Geflecht selber aufgenommen wird.
    →  Wir erinnern uns: Birkenrinde = viele dünne laminare Lagen, die aber nicht sehr fest miteinander verbunden sind, bzw. sich relativ leicht voneinander ablösen können. Letztlich verleimt man aber immer nur die jeweils äußersten Schichten miteinander, weil → wir erinnern uns wieder: in Birkenrinde nix so richtig eindringt, wie etwa in Holz
    Für ideal würde ich es halten, wenn sich der Schuh so konstruieren ließe, dass alle Bauteile dadurch untereinander verbunden sind, dass sie sich miteinander oder in sich selbst bekneifen. Also das gleiche Prinzip, wie ein guter Knoten funktioniert. Besser kann ich das nicht ausdrücken, aber ich vermute, dass eine Flechterin verstehen wird, was ich meine.
    Grundsätzlich funktioniert wasserfester Holzleim, z.B. Ponal super 3 mit Birkenrinde ziemlich gut. Ob der Vegan ist, kann ich nicht mit Gewissheit sagen, vermute es aber stark.
    Ich würde dazu raten, die jeweiligen Klebestellen etwas zu perforieren, z.B. quer zum Faserverlauf der Rinde mit einem scharfen Cuttermesser o.ä. vorsichtig einritzen, so dass dem Leim ermöglicht wird, zumindest etwas in die Rinde ein zu dringen. Vielleicht sogar den Leim mit Wasser etwas flüssiger machen (bei 8-10 % Wasser ist die Funktion von Holzleim nicht gemindert.
    Was auch geht, aber ziemlich lange abbinden muss (Tage) ist Biokaseinleim. Wobei ich wiederum nicht weiss, ob Kasein… ääähm, kommt das Wort von “Käse”? Ein Restprodukt vielleicht? Weiß ich nicht.
    Wasserglas funzt auch und dann wäre da noch handelsübliches Epoxid aus der Kleberabteilung vom Baumarkt. Ich empfele die Firma Bindan, das bleibt etwas elastischer.
    #2068

    Flechthexe
    Mitglied

    Vielen Lieben Dank für die tollen Antworten.

    Am liebsten würde ich ganz und gar auf Kleber verzichten und ich denke das wird auch möglich sein.  Bei meinen bisherigen Versuchen waren auch zwei Erfolgreiche dabei, ich habe die Birkenrinde mit Stoff verstärkt und mit Nägeln mit einem Großen Kopf an der Sohle befestigt, das hat gehalten.

    Kasein ist ein tierisches Produkt, es ist in Milch enthalten.

    Auf einen künstlichen Kleber würde ich auch gern verzichten, da der Schuh umweltfreundlich, recyclebar und natürlich sein soll.

    Ich mache große Fortschritte mit meinen Schuhen, vielen vielen lieben Dank nochmal für die Antworten :)

    #2115

    Flechthexe
    Mitglied

    Guten Morgen ihr Lieben,

    vielen Lieben Dank für die Antworten hier.

    Ich komme sehr gut voran. Ich konnte alle Schwierigkeiten lösen. Auf Kleber habe ich nun ganz verzichtet. Ich wollte den Schuh so einfach wie möglich. Wegen der Rissgefahr konnte ich es so lösen, die Rinde einfach stark genug zu lassen, hat wunderbar geklappt, sie reißt nun nicht mehr beim gehen. Wenn man die Rinde etwas mit Sandpapier schleift wird sie schön weich, was sich sehr angenehm anfühlt. Durch das Kochen wird sie sehr dunkel, was auch einen schönen Kontrast ergibt, vorallem wenn man es mit anderen Materialen wie zum Beispiel Raffiabast kombiniert.

    Ich habe nun meine drei Entwürfe fertig, sie sind super geworden und ich freu mich sehr. Allerdings sind es Damenschuhe mit einem kleinen Absatz. Ich möchte aber auch noch Schuhe herstellen die keinen Absatz haben und auch für Männer geeignet sind. Birkenrinde ist ein so wundervolles Material, ich hab mich sehr verliebt…hihi.

    Die Birkenrinde zu nageln, klappt auch super, auch mit dem vorher Loch stanzen. Und die Nägel mit einem großen Kopf, sind auch wieder ein schönes Augenmerk und passen sehr gut zu den Schuhen.

    Nun habe ich noch eine kleine Frage, sollte man die Rinde des fertigen Schuhs einölen? Oder wie sollte man sie Pflegen, dass sie möglichst langlebig sind?

    Vielen Lieben Dank und einen wundervollen Tag

    Liebe Grüße

    Alina

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