Bericht über den Besuch in der Werkstatt für Menschen mit Behinderung in Istok

Im aktuellen Jahresbericht der westlichen Unterstützergruppe für die heilpädagogische Schule Pribaikalskij Talisman und das sozialtherapeutische Dorfprojekt Istok bei Irkutsk unweit des Baikalsees berichtet Tim Mergelsberg über den Besuch in seiner Zivildienststelle und der Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Vor sieben Jahren hat er gemeinsam mit Jakob Steigerwald dort die Birkenwerkstatt aufgebaut.

Hier Auszüge aus dem Bericht:

 

Die Birkenwerkstatt in Istok 7 Jahre nach Ihrer Gründung – Ein Besuch

Sibirien, ja Istok hat mich fest im Griff. Anders kann man es nicht sagen.

Impressionen aus der Birkenwerkstatt in Istok, Sibirien: Rohlinge für Birkendosen aus dem ganzen Stück
Impressionen aus der Birkenwerkstatt in Istok, Sibirien: Rohlinge für Birkendosen aus dem ganzen Stück. [Foto: Maria Kowalskaya]
Mein Zivildienst, den ich 2003-2005 in Istok verbrachte, ließ in mir den Entschluss reifen, mich in einen Studiengang zu Ost- und Mitteleuropa und zu Russland einzuschreiben. Vor einem Jahr beendete ich nun mein Studium der Sprachen-, Wirtschafts- und Kulturraumstudien. Seither versuche ich besonders, ein Projekt weiterzuentwickeln: Den Handel mit Birkenrindenprodukten, genannt sagaan.

Auch dieses Projekt ist eng mit Istok verbunden: Mein Freund Jakob Steigerwald und ich bauten 2005 eine Werkstatt zur traditionellen Verarbeitung von Birkenrinde in Istok auf. Ziel war, dass die Betreuten in Istok am Wertschöpfungsprozess beteiligt werden und dadurch Anerkennung erfahren und  Istok finanzielle Unabhängigkeit gewinnen kann. Bereits damals beschrieben wir unsere drei Ziele, die wir beim Aufbau der Werkstatt verfolgten. Diese sollten die Birkenrindenwerkstatt zu einem Vorbild für andere Einrichtungen für Menschen mit Behinderung machen: Unser Ziel war, dass die Betreuten in gleichbleibend hoher Qualität manufakturähnlich große Mengen an Birkenrindendosen bauen können. Dass das Arbeiten dennoch therapeutische Zwecke erfüllen, ermöglicht das weiche, warme Material der Schutzhülle um die Birke und die Werkstattleitung, die von der langjährigen Mitarbeiterin Ludmilla Wetrowa geführt wird.

Jakob und ich verstanden unsere Werkstatt als Angebot an Istok: Wir wollten in Istok Möglichkeiten schaffen, durch eigene Kraft Entwicklung und auch einen kleinen Schritt in Richtung finanzieller Unabhängigkeit zu ermöglichen. Wie sie das Angebot nutzen, das legten wir in die Hand der Menschen in Istok.

Und sie nutzen es!

Um den Handel mit Birkenrinde weiterzuentwickeln, zog es mich diesen Sommer nach Istok.

 

Die Werkstattleiterin Ludmilla erklärt Besuchern, wie Birkenrinde verarbeitet wird.
Die Werkstattleiterin Ludmilla erklärt Besuchern, wie Birkenrinde verarbeitet wird.

Die Birkenwerkstatt ist ein Gewinn für beide Seiten. Dass sie wächst, dass sie sich entwickelt und entfaltet, dass wir im vergangenen Jahr 500 Dosen aus Istok bekamen, das erfreut uns gleichermaßen.

Besonders berührt hat mich Ludmillas Aussage, als Hans Gammeter und ich ihr anboten, für die Reparatur eines Werkzeugs Spendengelder zu suchen. Sie sagte: „Wir verdienen mit dieser Werkstatt Geld. Wir können die Kosten selbst tragen.“

Mit diesem Satz drückt sie aus, was ich mir immer gewünscht habe: Wir begegnen einander souverän. Istok produziert für sagaan gute Birkendosen. Dafür bekommen sie eine faire Bezahlung. Zumindest in diesem kleinen Rahmen der alltäglich anfallenden Kosten fällt das bedrückende Machtgefälle zwischen Geldgeber und Sozialprojekt weg, das zwischen wohlwollenden Spendern mit häufig sehr klaren Vorstellungen, wie richtige soziale Arbeit auszusehen hat und den Projekten im Ausland, die ihren eigenen Weg gehen, entsteht.

Auch Ludmillas Tochter Rimma bastelt gerne in der Birkenwerkstatt und nimmt Groß und Klein dabei mit.
Auch Ludmillas Tochter Rimma bastelt gerne in der Birkenwerkstatt und nimmt Groß und Klein dabei mit.

Selbstverständlich ist Istok weiterhin von Spenden abhängig und große Investitionen werden sich soziale Einrichtungen selten ohne Unterstützung leisten können. Was wir allerdings erreicht haben, und darüber bin ich sehr glücklich, ist, dass ein neues Verständnis reifen konnte: Dass wir uns viel stärker zu einem Miteinander, einer Gegenseitigkeit entwickeln durften. Während Istok selbstverständlich von unseren Geldern abhängig ist, brauchen wir die von ihnen sorgfältig und wunderschön hergestellten Dosen aus Birkenrinde, um sie hier in Europa Menschen anbieten zu können, die den Wert und die Wärme der Gefäße schätzen – nicht allein die Wärme des Materials, auch die Wärme menschlicher Handarbeit, die Alesija hineinsteckt, wenn sie stundenlang liebevoll die Borten näht oder Wowas Begeisterung beim Ausstanzen der Schlösser. Istok gewinnt nicht nur durch jede Spende, auch eine Salzdose aus Birkenrinde für den Tisch oder  ein kleines Geschenk zu Weihnachten kann die Arbeit in Istok stärken und bringt ein kleines Stück Sibirien zu uns.

Bisher stellte Istok leidglich kleine Salzdosen aus Birkenrinde her. Nachdem wir nun im vergangenen Jahr eine große Lieferung erhielten – so viel, wie noch nie – ist der Wunsch nach einem Ausbau der Werkstatt gereift. Wir hoffen, dass die Produktpalette ab nächstem Jahr deutlich wachsen wird. Dann kann sagaan noch mehr Birkendosen aus Istok anbieten. Dafür zieht es mich im kommenden Jahr wohl erneut nach Sibirien.

Istok hat mich fest im Griff.

 

Tim Mergelsberg, Herbst 2012