Alexander Petrowitsch: Künstler, Manager, Schamane

Eine Begegnung am Baikalsee

 

Von Colin Bertrand

colin_golo.jpgWir fahren durch die tief verschneite, hügelige Landschaft nach Maloe Goloustnoe, einem kleinen Dorf, welches zwischen dem Baikalsee und Irkutsk liegt. Wir, das sind Ludmilla, eine Mitarbeiterin aus Istok, die die Birkenwerkstatt dort leitet, Mascha, meine Kollegin, Gesprächspartnerin und angehende Medizinstudentin und ich. Es ist beglückend, während das Radio leise russische Popsongs dudelt, schweigend durch die verschneite, einsame Landschaft zu fahren und die ergreifende, frostige Natur Sibiriens auf sich wirken zu lassen. In Maloe Goloustnoe wollen wir Alexander Petrowitsch treffen.

Durch die Krise ist sagaan die einzige Hoffnung

Alexander Petrowitsch ist ein Künstler, der sich intensiv mit dem Material Birkenrinde auseinander setzt und das Projekt in Istok mit seinem Wissen um Birkenrinde unterstützt. Vor einiger Zeit, als mit der Krise sein Auftraggeber bankrott ging, fragte er uns, ob wir, sagaan und er, zusammen arbeiten könnten.

 

Der Wert einer Münzsammlung bei -25°

Maloe Goloustnoe, an einem kleinen Bach gelegen, wirkt auf den ersten Blick wie ein paar Bretterhütten in der verschneiten Landschaft. Wir werden von Alexander und seiner Frau Vera freudig begrüßt und gleich, wie es in Russland nun mal sein muss, zu Tee und deftigem Essen geladen. Wir befinden uns in einem Raum, der Küche und Wohnzimmer zugleich ist. Hier bullert ein Holzofen gegen die noch milden 25 Grad Außentemperatur an. Ach ja, fast hätte ich es vergessen, natürlich spreche ich von Minusgraden. Nachdem wir gegessen und uns ein wenig ausgetauscht haben, ich über Deutschland erzählt habe und Alexander Petrowitsch uns seine Münzsammlung und selbst gesammelten Kristalle gezeigt hat, beginnen wir langsam, uns über sagaan zu unterhalten. Wir zeigen ihm unseren Standard – weisen zum Beispiel darauf hin, dass wir Wert auf leimfreie Dosen legen.

 

Das richtige Wirtschaftsmodell – eine deutsch-russische Suche

Colin Bertrand von sagaan bei Alexander Petrowitsch in seiner Birken-WerkstattAuf einmal holt Alexander Petrowitsch 20 verzierte, geklebte Dosen hervor und erwartet, dass wir ihm diese auch abkaufen könnten. In Russland bestimmt oft der Produzent das Angebot, leider funktioniert das so in Deutschland nicht. Die Nachfrage hat einfach viel zu viel Macht. Ich finde das in diesem Moment ja auch nicht so toll, kann daran aber wenig ändern und kaufe ihm dann ein paar Dosen für kommende Gastgeschenke ab. Ich erkläre aber auch, dass wir in Zukunft so etwas nicht einfach nehmen könnten. Nachdem wir unseren Standard und unsere Qualitätsansprüche dargelegt haben und ihm erklären, dass wir eine Partnerschaft anstreben, beginnen wir, über die Preise zu reden. Noch am Vorabend hatten Mascha und ich eine Diskussion, was faire Preise sind. Es war eine hitzige Debatte, ob man seine Kalkulation per se offen legen sollte oder ob man sie geheim halten müsse. Würde man bei zu viel Offenheit nicht einfach ausgenommen? (Später hörte ich über Sekem, bei denen jeder die Marge seiner Partner kennt. Also ist es doch möglich, gut zu wirtschaften bei großer Offenheit. Ich werde mich damit mehr beschäftigen und prüfen, wie wir dies bei uns umsetzen können).

 

Birkendosen verticken – oder doch lieber ein Hotel bauen?

Nachdem ich fast über eine Stunde versucht hatte, mit Alexander Petrowitsch Preise auszuhandeln, waren wir immer noch nicht viel weiter gekommen: Zwischendurch fragte er mich, ob wir nicht investieren wollten, ihm Geld geben könnten, damit er ein Hotel baut, welches uns gehörte, er aber verwalten würde, davon ausgehend, dass wir als reisende Deutsche grundsätzlich sehr reich sein müssten. Mitten im Satz stockte er auf einmal, schaute mich an und fragte, ob ich vor kurzem krank gewesen sei. Die hiesige Witterung nicht gewohnt, war ich die letzten drei Wochen fiebrig erkältet gewesen. Unvermittelt stand er auf, fragte, ob er eine kleine Massage machen dürfte und begann, verschiedene Akupunkturpunkte an meinem Kopf zu massieren, um die Krankheit, die noch in mir steckte, zu lösen. Ich war sehr überrascht, fast amüsiert, fühlte mich danach jedoch wunderbar frisch.


Freundschaft durch Andersartikeit

Mascha, Freiwillige im Dorfprojekt Istok, sowie Ljudmilla, Leiterin der Birkenrindenwerkstatt des Sozialprojekt zu Besuch bei Alexander Petrowitsch am Baikalsee

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir unterbrachen das Gespräch und ich machte neben dem knisternden Holzofen ein kleines Mittagsschläfchen. Es war Abend geworden. Als ich wieder in die Küche kam, war die Atmosphäre wie ausgewechselt. Alexander bot mir das Du an, irgend etwas hatte sich geöffnet. Erst später erzählte mir Mascha, deren Russisch nahezu perfekt ist, dass sie mit Nadja und Alexander, während ich schlief, ein Gespräch hatte, indem sie über sagaan und unser Ideal von einem anderen menschlichen Wirtschaften erzählte. Als sie erfuhren, dass wir hier ohne Lohn arbeiteten und unsere Motivation allein unsere Überzeugung und Interesse ist, veränderte dies alles. Auf einmal entstand eine vorher unmöglich gewesene Offenheit. Wir begannen, einander zu verstehen. Nach dem Abendessen saßen Alexander und ich noch lange in der Küche und unterhielten uns über Sibirien und das Leben, während die Frauen schon lange schlafen gegangen waren. Als wir auf das Thema Bildung und Universitäten kamen, hielt Alexander auf einmal inne und sagte unvermittelt, dass er seine eigene Gedanken haben wolle, dass er auf seine Weise ein Philosoph sei mit seinen Gedanken über das Leben und diese Gedanken sich nicht durch eine „wissenschaftliche Theorie“ von „denen da oben“ entwerten lassen könnten. Diese Aussage, dieser Wille zur Freiheit ist für Alexander Petrowitsch, so wie ich ihn kennengelernt habe, sehr bezeichnend. Ich bewundere ihn dafür.

Die Temperatur fiel auf unter -35°, was zur Folge hatte, dass ich in der Nacht alle drei Stunden aufstehen musste, um das Auto warmlaufen zu lassen, damit es nicht gänzlich einfror. Hier in Russland eine Männeraufgabe! Die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau ist hier in Sibirien viel stärker als in Deutschland. Während alles, was gefährlich, technisch oder schwer zu heben ist, selbstverständlich vom Mann übernommen werden muss, steht den Frauen fast alles zu, was mit Essen und Kleidung zu tun hat. Mascha und ich versuchen uns spaßeshalber, in diese Rollen zu fügen. An sich können wir beide damit ganz gut leben.

Am nächsten Morgen fuhren wir nach einem reichlichen Kascha (russischer Frühstücksbrei) und einer herzlichen Verabschiedung zurück nach Irkutsk. Spätestens in einem Monat, wenn die ersten Birkendosen fertig sein würden, würden wir uns wieder sehen.


Freude auf ein Wiedersehen

Wir sind aus völlig unterschiedlichen Kulturen und Lebenslagen aufeinander Freiwillige des Internationalen Sommercamps in der Behinderteneinrichtung Istok in Sibirien (Nahe Irkutsk, Baikalsee) zu Besuch in der Birkenleder-Verarbeitung von Alexander Petrowitschgetroffen. Ich bin froh, das wir es trotz unserer Unterschiedlichkeit geschafft haben, Gemeinsamkeiten zu finden und wo diese nicht vorhanden waren, Offenheit und Neugierde zu haben. Dies wäre ohne Mascha und Ludmilla so nicht möglich gewesen.

 

Ich freue mich schon sehr auf das geplante Treffen im kommenden Sommer in Tomsk, bei dem ich Alexander Petrowitsch und unsere anderen Partner treffen werde, ein entstehendes Netzwerk weiter gefestigt wird und neue Ideen diskutiert werden.

 

Irkutsk, 13. März 2009

Auf den Fotos (von oben nach unten): Colin Bertrand in Goloustnoe, Colin Bertrand mit Alexander Petrowitsch, Mascha Estko, Ludmilla von Istok und Alexander Petrowitsch, Colin Bertrand und weitere Gäste zu Besuch bei Alexander Petrowitsch in Maloe Goloustnoe

 

und nun?